Donnerstag, 30. August 2012

Der kleine Waldräuber

Mit diesem Büchlein macht es Albert Wendt seinen Lesern nicht gerade leicht. Ob die anvisierte Zielgruppe im Alter von 8-10 Jahren der häufig sperrigen Sprache wirklich folgen kann, wage ich zu bezweifeln, denn selbst mir fiel es an der einen oder anderen Stelle schwer, der beabsichtigten Aussage zu folgen. So lässt Wendt zum Ende seines Büchleins hin auch einen Jäger sagen:
“Wir haben dir gern zugehört, haben gelacht und uns gefürchtet (…) und die nächsten Tage werden wir etwas zum Nachdenken haben.” (Wendt 2012: 76)
Denn nachdenken, das muss man in der Tat viel, wenn man die Abenteuer des kleinen Waldräubers liest. Da wird berichtet, wie der kleine Waldräuber gefangen genommen und in einen Waldzoo verfrachtet wird, wie er mit dem Räuberhauptmann eine Abmachung trifft, dass er sich nachts herausschleichen und seine Umgebung erkunden darf, und was er außerhalb des Zoos so alles erlebt.

Wendts Werk wird an vielerlei Orten für seine poetische Erzählweise gelobt, als künstlerisches Märchen bezeichnet. Das mag wohl zutreffen, schließlich gelingt es ihm mit seinen ungewöhnlichen Charakteren und der bildreichen Sprache eine ganz und gar fremd erscheinende Welt zu schaffen, die sich doch eigentlich von der unseren gar nicht so sehr unterscheidet, wenn man genauer über das Gelesene nachdenkt und die Bilder entschlüsselt. Dann nämlich zeigt sich, dass der kleine Waldräuber sich kameradschaftlich für seine Mit-Wesen einsetzt, dass er sich an getroffene Abmachungen hält, dass er sich sogar ein bisschen verliebt. Allerdings lässt sich hier doch auch der Rote Faden vermissen, denn der kleine Waldräuber zieht das nicht bis zum Ende durch, als er die Demütigung des Räuberhauptmanns mitbekommt. Dann nämlich schließt er sich plötzlich mit anderen zusammen und scheint seine Abmachung mit dem Hauptmann schlicht zu vergessen. – Ich bin ganz ehrlich: Aus der Demütigung des Räuberhauptmanns wurde ich nicht schlau. Dient sie dem kleinen Waldräuber tatsächlich als Anstoß, doch auf eigene Faust wieder die Freiheit zu suchen? Aber wo bleibt dann die Loyalität gegenüber getroffenen Abmachungen, die häufig gelobte Verpflichtung dazu, gemachte Versprechen einzuhalten? Die Geschichte ist so verdichtet erzählt, dass die Zeit zu kurz ist, um die Charaktere in ihrer Gänze zu erfassen und ihre jeweiligen Beweggründe zu verstehen.

Von einem Buch für Kinder erhoffe ich mir, dass es auf spannende, einfühlsame Weise zu unterhalten weiß. Und egal, ob eine wirklich tiefe Botschaft vermittelt oder einfach nur leicht und amüsant unterhalten werden soll, irgendetwas nimmt man doch aus jeder Geschichte mit. Nur bin ich mir beim kleinen Waldräuber einfach nicht schlüssig, was es in diesem Falle sein sollte. Das macht dieses Büchlein leider recht sperrig, weshalb ich nicht weiß, ob es sich wirklich so sehr zum Vorlesen für 8-10 Jährige eignet – zumindest nicht, wenn man nicht hinterher auch viel Zeit darauf verwendet, über das Gehörte zu sprechen; doch ich bin ehrlich: Mir würde es schwer fallen, diese Geschichte zu erklären… Viel mehr halte ich sie in der Tat für das häufig beschriebene Kunstmärchen, und auch wenn ich der Meinung bin, dass man jungen Lesern sehr viel zutrauen kann und soll, so glaube ich auch, dass gerade dieses Kunstmärchen doch eher für den erfahrenen, Symbole-entschlüsselnden Germanisten geeignet wäre, statt es meinem Kind vorzulesen oder zum selber Lesen in die Hand zu geben.

Fazit: 1 Stern! (Denn dieses Buch ist in meinen Augen einfach kein Kinderbuch und enttäuscht damit alle vorherigen Erwartungen.)

Albert Wendt: Der kleine Waldräuber. ISBN: 978-3-7026-5839-7

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